Wind Of Change
Ich habe endlich wieder einen Grund, hier zu schreiben, denn ich befinde mich zur Zeit in einem Entwicklungsland. Und das Beste: ich musste dafür noch nicht mal verreisen.
Nach multimedialer Katrina-Nachahmungsoffensive erreichte Kyrill Bochum am Donnerstagnachmittag und ich bekam nichts davon mit, weil mein Zimmer auf der Windabgeneigten Seite des Wohnheims lag und im Dunkeln eh nicht viel von möglicherweise wegfliegenden Nachbarhäusern zu sehen war. Dafür sah ich dann gestern auf dem Weg zur Uni einige Bäume, die ihre teils seit Jahrzehnten angestammten (pun not intended) Plätze spontan, aber wohl eher widerwillig, verlassen hatten. Für die Schäden eines “Jahrhundertsturms” fand ich das alles aber ein wenig lasch.
Aber glücklicherweise gibt es in Deutschland ja einen Faktor, der die überregionale Fortbewegung schon bei völligem Nicht-Wetter zum Abenteuertrip werden lässt: die Deutsche Bahn. Und während Fürst Mehdorn in Berlin zwei Stahlträger aus der Krone gebrochen waren, hatte es das Ruhrgebiet ungleich härter getroffen, denn nichts ging mehr. Der einzige Zug, der in Bochum noch fuhr, war der Starlight Express im gleichnamigen Musical - am Hauptbahnhof hatte man die Zugänge zu den Bahnsteigen gleich mit Flatterband abgesperrt und nach vielen Stunden auch die Anzeigentafel auf “völlig leer” einstellen können. Alles durchaus verständliche Schritte, denn Chaos herrschte auf den Gleisen und im (hoffentlich vorhandenen) Krisenzentrum der Bahn sicherlich zuhauf.
Chaos herrschte am Bahnhof aber leider trotzdem, denn die Deutsche Bahn hatte bei ihrer großangelegten Normalitätsherstellungskampagne leider vergessen, auf die Vollsperrung der Strecke Dortmund-Essen-Duisburg zu verweisen. Gewiss: die Situation mag sehr unübersichtlich gewesen sein, für den Sturm konnte nicht mal der Bahnchef etwas (obwohl er sicher in stillen Momenten im heimischen Spiegelkabinett davon träumt, die Natur zu beherrschen), aber wir reden hier ja immerhin nicht über eine wenig befahrene Nebenstrecke im dünn besiedelten Ostharz, sondern über die Bahnverbindung für das Ballungsgebiet in Deutschland. Deren Nichtbefahrbahrkeit hätte der Bahn also schon eine Zeile Quelltext wert sein können, wenn nicht gar viertelstündliche Durchsagen in allen Radiosendern der Region. Auch ein Hinweis wie “Leider fährt im Moment so gut wie gar nichts, bleiben Sie lieber zu Hause” hätte bei den (ohnehin für deutsche Verhältnisse geradezu schafsmäßig schicksalsergebenen) Reisenden sicherlich für so etwas wie Verständnis gesorgt - der fehlende Hinweis auf die Vollsperrung der Strecke tat es nicht. (Der Hinweis darauf, dass die Strecke Duisburg-Essen-Dortmund immer noch bzw. überhaupt gesperrt ist, tauchte nicht vor heute morgen auf der dafür eingerichteten Internetseite auf). Die Bahnmitarbeiter blieben aber dennoch freundlich und gelassen, auch, als sie von vereinzelten Reisenden (bzw. jetzt ja eigentlich Alles-andere-als-Reisenden) lautstark angeherrscht wurden. Das verdient Respekt bzw. die Vermutung, dass man bei der Bahn irgendwann einfach abstumpft.
Ich kam trotzdem von Bochum nach Dinslaken, aber das glich eher einer humanitären Rettungsaktion mit dem Hubschrauber: ein Freund meiner Eltern, der in Dortmund arbeitet, sammelte mich freundlicherweise auf seinem Heimweg nach Dinslaken in Bochum ein. Jetzt sitze ich allerdings in Dinslaken fest und weiß nicht, wann und wie ich wieder nach Bochum kommen soll, denn die Strecke Oberhausen-Dinslaken ist ja sowieso eine der meistgesperrten Deutschlands. Nur, dass sich diesmal eben Bäume auf die Gleise geworfen haben und keine Lebensmüden.
January 22nd, 2007 at 17:05
Schön dass 11 Tote und Schäden in Milliardenhöhe deiner Ansicht nach “etwas lasch” als Bilanz eines Unwetters in unseren Breitengraden ist…
January 22nd, 2007 at 17:13
Ich sprach von den sichtbaren Schäden vor meiner Haustür - und die dürften sich auf einen etwa vierstelligen Betrag belaufen haben.
Und ohne den Opfern und ihren Angehörigen zu nahe treten zu wollen: irgendein Statistiker könnte uns sicher mitteilen, wie viele Todesopfer der “normale” Straßenverkehr in diesem Zeitraum gefordert hätte. Tote sind ja nicht mehr oder weniger zu betrauern, wenn sie als Summe in den Abendnachrichten auftauchen. (Die durchaus zynische Frage, wie viele Selbstmorde wohl durch die Vollsperrung des deutschen Schienennetzes verhindert werden konnten, überlasse ich trotzdem anderen.)
January 22nd, 2007 at 21:15
“wie viele Selbstmorde wohl durch die Vollsperrung des deutschen Schienennetzes verhindert werden konnten?”
so,da eh kein anderer die frage stellt schmeiss ich mich in die runde….blame me, i just laugh … !
stimme lukas voll und ganz zu…und wenn ein “stürmchen” kommen muss damit die deutsche bahn als deppenunternehmen darsteht (als ich heute in der zeitung gelesen habe das an berlins DB-penis-verlängerung die stahlträger nur “aufliegen” !!!) ist das mehr oder weniger einfach nur der hit. Klar niemand hat gerne schäden an seinem eigentum, ich selbst habe mein auto extra in dinslaken in sicherheit gebracht aber wenn die medien einen meiner meinung nach “Normalen sturm” zum verdammten “Jerry-Bruckheimer-wir-werden-alle-sterben-Ding” aufpusten könnte ich das kotzen bekommen.
Ihr versteht schon was ich damit sagen will…. ;) !
P.S. seien wir doch überrascht was als nächstes kommt, der eistod lauert ja schon und fährt angeblich seine kühlen krallen aus… -15 grad…das ich nicht lache…und was erst meine neuen sommer-vans lachen….pah :-p !!!
January 22nd, 2007 at 23:26
Es ist wohl nicht gänzlich unüblich, Stahlträger derart zu “befestigen”. Man konnte sich ja auch bis Donnerstag nur schwer vorstellen, dass ein 2,4 Tonnen schwerer Stahlträger mitten in Berlin vom Wind hochgehoben wird. Natürlich ist es verwunderlich, dass sich so ein Sturm nicht an die deutschen Bauvorschriften hält (bzw. dass diese ausnahmsweise mal zu lax gewesen sein sollen), deswegen vermute ich den eigentlichen Fehler irgendwo anders.
January 23rd, 2007 at 20:11
Die Meldung (SPIEGEL-Titel!), wonach sich im Berliner Zoo durch die Wirkung des Taifuns “Kyrill” ein Elefant aus dem Gehege gelöst hat, mehrere hundert Meter weit durch die Luft gewirbelt wurde und schließlich auf einer Parkbank am Kurfürstendamm neben einer verdutzten Parfumverkäuferin (21 und noch zu haben) zum Sitzen kam, hat sich als Räuberpistole herausgestellt. Richtig ist leider vielmehr, dass China eine Rakete zu wenig friedlichen Zwecken ins All geschossen hat. Wir bitten, darüber nachzudenken und dann jemanden anzurufen.