File under: water
Sonntag früh sind wir nach Chicago geflogen, Location Scouting machen. Chicago ist eine wirklich sehr schöne, abwechslungsreiche Stadt, von der wir in zwei Tagen nahezu alles zumindest gesehen haben. Aber darum soll es ein andermal gehen, wenn ich mich durch meine 250 Fotos gewühlt habe.
Nachdem wir nämlich gestern gegen halb sechs vom Schwippschwager meines Onkels am Flughafen abgesetzt wurden, begann der interessante Teil der Reise:
Schon bevor wir einchecken konnten, deutete sich ein etwas veränderter Flugplan an, der offenbar unter dem schlechten Wetter, das an den großen Seen schon mal vorherrschen kann, litt. Unser Rückflug nach Oakland würde sich wohl um eine Stunde verschieben, hieß es schon Am Check-In-Schalter.
Voller Vorfreude auf drei Stunden Rumlungern am Gate ließen wir die Sicherheitskontrollen über uns und unser Handgepäck ergehen und nahmen in der Sitzgruppe unseres Gates Platz.
Gegen sieben Uhr begann ein beachtliches Gewitter über dem Flughafen niederzugehen, mit vielen Blitzen und großen Hagelkörnern. Nachdem dieses Gewitter eine Stunde anhielt und es in dieser Zeit zu keiner einzigen Flugzeugbewegung auf dem Rollfeld (geschweige denn einer Flugbewegung in die oder aus der Luft) kam, begannen wir, uns um unseren Rückflug zu sorgen.
Um neun Uhr, als unser verspätetes Boarding losgehen sollte, gewitterte es immer noch, man nannte ein neues Gate, wo das zu besteigende Flugzeug „bald landen“ sollte, und eine neue, leicht veränderte Uhrzeit.
Es gewitterte weiter, man wechselte ein weiteres Mal das Gate und die Schlange vor dem United Airlines Schalter wurde lang und länger. Nach einer Dreiviertelstunde des Anstehens dort stellte mein Onkel fest, dass die Schlange nur zu Check-In-Automaten und ein, zwei United-Mitarbeitern führte, die völlig überfordert waren, aber von ihren feigen und menschenverachtenden Chefs die Order bekommen hatten, daran zu glauben, dass alle Flüge noch am Abend abgewickelt werden würden. Das zu diesem Zeitpunkt immerhin mehr als drei Stunden währende Gewitter hatte unterdessen noch weiter zugenommen.
Gegen viertel nach Elf wurde unser Flug, dessen Zeit vorher noch dreimal verschoben worden war, gecancelt – und mit ihm etwa 50 weitere am vermutlich verkehrsreichsten Airport der Welt.
Wir verließen den Abflugbereich, um uns um ein Nachtlager zu kümmern: Sämtliche Hotels im Umkreis waren - You’ve guessed it! - ausgebucht, man ließ uns aber auch nicht mehr in den Abflugbereich zurück, denn das Personal, das die Sicherheitskontrollen durchführen hätte können, hatte seine Tagesschicht beendet und die nächste würde nicht vor 4:30 Uhr anfangen.
Es folgten noch ein paar kleine Irrungen und Wirrungen, an die ich mich genau erinnern kann und auch nicht will, denn ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die Stadien Besorgnis, Frustration, grenzenloser Hass und Resignation hinter mich gebracht und erfreute mich stattdessen an den Eimern, die man überall in den Terminals aufgestellt hatte, weil es reinregnete. (Wir sehen: auf den tatsächlichen Regen ist man im Chicago O’Hare International Airport vorbereitet, auf seine Folgen nicht – wozu auch, schließlich nennt man Chicago nur the windy city und solch ein Unwetterfall mag allenfalls ein Dutzend mal pro Jahr eintreten.)
Wir endeten schließlich um ein Uhr Ortszeit – zwanzig Stunden nachdem wir aufgestanden und sieben, nachdem wir am Flughafen angekommen waren - in einem von Heils- und US-Armee zur Verfügung gestellten Notlager auf Feldbetten neben den Gepäckkarussells im Keller des Flughafens.
Doch um vier Uhr war auch Schluss mit dieser Möglichkeit, immerhin ein bisschen wegzunicken, denn wir wurden von den Sicherheitskräften, die das Lager während der „Nacht“ bewacht hatten, geweckt und vertrieben.
So gingen wir in das gegenüber gelegene Hilton, nutzten die dortigen restrooms, um sich dort um Sachen wie Zähneputzen (natürlich ohne Zahnpasta, denn die darf man ja nicht mehr im Handgepäck führen, wenn man ein Flugzeug besteigen möchte) zu kümmern und nutzten dann – es waren ja nur noch fünf Stunden, bis unser neugebuchter Flug starten sollte - den flauschigen Teppichboden und die zahlreichen Steckdosen in der Hotellobby.
Da es im Hilton aber irgendwie doch zugig wurde, machten wir uns auf den erneuten Weg zum Abflugbereich. Die Sicherheitskräfte waren inzwischen wieder da und hätten mich auch fast festgenommen, weil ich es gewagt (vielmehr: vergessen) hatte, eine Flasche mit Mineralwasser (noch nicht mal Sprudel, denn so was kriegt man in diesem Land nur als teuren Europa-Import) in meinem Rucksack zu belassen. Gütigerweise ließ man mir wenigstens den Deostick (der war ja zwei Tage vorher auch kein Problem gewesen). Ich ließ es mir allerdings nicht nehmen, die Plastikflasche mit der hochgefährlichen Flüssigkeit (H20), mit einer lässigen, aber doch lautstarken Bewegung in den Mülleimer zu pfeffern - wofür mich die freundliche Dame am Durchleuchter nun wirklich fast getötet hätte. „Next time, I’ll do that for you“, sagte sie. Hopefully, there won’t be a next time here, dachte ich und ging weiter. Nicht, ohne fast meine Armbanduhr vergessen zu haben.
Aber auch die nächsten vier Stunden gingen irgendwie um – nicht, ohne dass unser Gate vorher noch mal gewechselt hätte. Aber jetzt sind wir wieder da, frisch geduscht und es geht zurück an die Arbeit - bestens gelaunt und um eine spannende Reisegeschichte reicher.
Neu! Jetzt mit sexy Fotos:

Das sieht man selten: einhundert Meter lange Schlangen, mitten in der sog. Zivilisation. Oder wenigstens mitten im Chicago Airport.

Bitte beachten Sie die Differenzen zwischen der zweiten und der fünften Spalte. Und das Wort “cancelled”.

Da hamwa die Feldbetten, fehlen nur noch ‘ne Buddel Korn und Jürgen Drews.
October 3rd, 2006 at 23:11
Also irgendwie klingt das anstrengend. ;-)
Darf man einfach so im Hilton rumhängen? Schmeißen die einen nicht raus?
October 3rd, 2006 at 23:24
Wir waren ja nicht die einzigen Gestrandeten, die in der Lobby rumsaßen. Und um vier Uhr morgens sind die am Empfang auch nicht so gut besetzt, dass sie da Dutzendschaften rausschmeißen könnten … ;-)
October 4th, 2006 at 16:44
Oh mann… Das klingt anstrengend. Ist wohl ein weiterer Running-Gag, das Anstehen an Check-In-Schaltern, Festsitzen an Flughaefen usw. Freitag fahr ich mit dem Bus nach Paraguay und Argentinien, mal sehen was da so alles passiert… Rechne mit Wiedereinreiseschwierigkeiten und der spontanen Aberkennung meines Visums, sollte ich nicht eine gewisse Summe an das oertliche Grenzpolizeirevier spenden;)
Achso, naechstes Mal sag Bescheid: Mein Cousin wohnt zur Zeit in Chicago
October 4th, 2006 at 19:13
Der Tel, wo ich wirklich Angst kriegte, war dieser idiotische Sicherheitscheck.
Ich so nach dem Motto: “Oh, hab ich vergessen, schmeißen Se’s halt weg …”
Und die so: “Moooooment, das ist eine Flüssigkeit und Sie hätten wissen müssen …” und erst mal den kompletten Rucksack durchwühlt und einen geheimnisvollen Abstrich daraus genommen und in ein (vermutlich nur mit wahllos blinkenden LEDs ausgestattetes und ansonsten hohles) Gerät geschoben.
Bei einer Anzeige wegen des illegalen Transports von Mineralwasser hätte ich es aber bis vor den Supreme Court getrieben und mein Vaterland aufgefordert, alle diplomatischen Beziehungen zu den USA abzubrechen. ;-)
Und für Besuche aller Art wäre auf unserem Trip echt keine Zeit mehr gewesen. ;-)
October 4th, 2006 at 20:54
Tja, ich schätze dann hättest du aber schnell festgestellt, dass dein Vaterland dich zwar liebt, aber gewisse Kollateralschäden beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus eben hingenommen werden müssen. Vor allem, wenn es um so gefährliche Leute wie Mineralwasser-Bomber geht! ;-)
October 4th, 2006 at 21:03
Naja, stell dir mal vor, was man mit der nicht vorhandenen Kohlensäure hätte anstellen können!
October 4th, 2006 at 23:15
haha, stimmt. man denke an die verheerende sprengkraft von kohlensaeure… haha, das waere nach dem schuhbomber und den kofferbombern die naechste bedrohung aus good old europe gewesen. lukas h. ist “der mineralwasserbomber”. hahahah
October 4th, 2006 at 23:18
Das Wasser hier ist doch lahm wie eingeschlafene Füße nach einem Borussia-Dortmund-Spiel, da gibbet nix, was britzelt. Und schon gar nichts, was explodiert.
Aber jetzt kenn ich wenigstens den Grund. :-)
October 5th, 2006 at 1:25
das ist wohl so auf dem amerikanischen kontinent. ist hier unten bei mir nicht anders… kennst du das wenn du mindestens nen liter wasser getrunken hast, du aber immer noch das gefuehl hast durstig zu sein?
October 5th, 2006 at 17:03
Wenn’s jetzt gar noch mit Kohlensäure gewesen wäre, hätte ja nur ein $PFEFFERMINZ-BONBON gefehlt. Erinnert mich an eine Bekannte, die mit Haarspray (weil Frau) und Feuerzeug (weil Raucherin) in einen Gerichtssaal wollte. Damals reichte allerdings noch ein Bambi-Blick - nebst dem Spruch “Aber das ist doch gefährlich … :-O” auf den Hinweis, daß man mit dem Feuerzeug das Haarspray anzünden könnte und sie beides daher draußen lassen müßte -, um doch hineingelassen zu werden. Heute wäre es wohl eher nicht unter einer Woche Vollpension in Guantanamo abgegangen.
October 5th, 2006 at 18:37
Rohrfrei ist auch spitzenmäßig: wenn man das einmal “überirdisch”, d.h. nicht im dafür vorgesehenen Rohr hat reagieren sehen, fragt man sich, wie das eigentlich frei verkäuflich sein kann. Und wer noch dazu in der Schule den Spitznamen “MacGuyver” bekommen hat, sollte am besten gar nichts mit an Bord nehmen … ;-)